12. Januar 2009

Le Clézio, Jean-Marie Gustave – Onitsha

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Le Clézio, Jean-Marie Gustave – Onitsha

Der Literatur-Nobelpreisträger von 2008 ist ein Erzähler mit einer eigenen Sprache in die man sich erst einmal „hineinfinden“ muss. Die dann aber einen umso mehr beeindruckt hinterlässt.

Erzählt wird die Geschichte des Jungen Fintan, der mit seiner Mutter kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nach Nigeria fährt, um zu seinem dort lebenden Vater zu ziehen. Seine Mutter ist vom dortigen konservativen und langweiligen Leben der weißen Bevölkerung enttäuscht und zieht sich langsam zurück, während Fintan seine kindliche Freiheit genießt und die afrikanische Wildnis lieben lernt. Er freundet sich mit einem jungen Schwarzafrikaner an und lernt durch diese Freundschaft andere Sichtweisen und Glaubensvorstellungen kennen.

Die Fremdartigkeit der Kultur und Landschaft zieht Fintan immer mehr in seinen Bann. Sie wird zu seiner wahren Heimat und für ihn unvergesslich. Seine Freundschaft und sein Leben in Nigeria scheitern schließlich an dem stoischen Festhalten der weißen Bevölkerung an der alten Kolonialordnung.

J.M.G. Le Clézio hat einen schönen Roman geschrieben, bei dem die ersten 70 Seiten, auf denen er die Schiffsreise von Fintan und seiner Mutter beschreibt, etwas langatmig sind. Irritiert hat mich auch die seltsam anmutende Beziehung zwischen Mutter und Sohn, die teilweise einen sexuellen Unterton zu haben schien. Mit der Ankunft in Nigeria verändert sich der Roman. Das Leben dort tritt mehr in den Vordergrund und nicht mehr die Mutter-Sohn-Beziehung. Clézio erreicht es trotz langer erzählerischer Landschaftsgemälde, sich nicht im Kitsch zu verlieren. Er beschreibt die Fremdartigkeit, die gleichzeitig vertraut wirkt und würzt das Ganze mit einem alten afrikanischen Mythos, der schließlich durch das rücksichtslose Verhalten des Kolonialismus und der heutigen Politik zerstört wird. Dadurch schafft er es, ohne dass es aufgesetzt wirkt, den Bogen zur Neuzeit und den jetzigen Problemen im jetzigen Nigeria zu spannen.

„Onitsha“ ist eine gute Erzählung, die neugierig macht, sich den anderen Afrika-Romanen von J.M.G. Le Clézio zu nähern.

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26. November 2008

Le Clézio, Jean-Marie Gustave – Der Afrikaner

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Le Clézio, Jean-Marie Gustave – Der Afrikaner

In diesem autobiografischen Werk beschwört Le Clézio Bilder aus Kindheitsjahren herauf, die er in Nigeria verbracht hat. Es sind Bilder, die nachwirken. Er hat dort nicht wie die Kinder von Kolonialoffizieren gelebt, die weitgehend abgeschottet waren von der einheimischen Bevölkerung, sondern hat mit Kindern der Ibo und Yoruba zusammen gespielt. Sein Vater war Arzt an einem Ort, an dem nichts war, „was uns an die Welt erinnern konnte, in der wir bisher gelebt hatten“. Diese Welt, in der er in den ersten acht Jahren seines Lebens gelebt hatte, war das von Deutschen besetzte Frankreich und die ersten drei Jahre nach dem Krieg.

Der Afrikaner ist Le Clézios Vater, dem das Buch gewidmet ist. Er ist selbst nach seiner Pensionierung, die ihn wieder zurück nach Frankreich geführt hat, im Inneren Afrikaner geblieben. Zumindest ist alles an ihm dort geprägt worden. Seine Strenge und seine Abneigung gegenüber dem in seinem Empfinden mechanistischen Großstadtleben auf der einen Seite und die Suche nach dem Weiten und der Lebensintensität, wie er sie in den Landschaften Nigerias erlebt hat auf der anderen Seite.

J.M.G. Le Clézio selbst hat dort auch noch das erlebt, was Afrika zueigen war, bevor der westliche Einfluss auch die abgelegensten Winkel des Kontinents in irgendeiner Weise erreicht hat. Im Spiel mit den einheimischen Kindern hat er eine überwältigende Freiheit erlebt. Einen großen Eindruck hat auch die harmlose Freizügigkeit im Verhältnis zum eigenen Körper auf ihn gemacht. Körperlichkeit, unverfängliche Nähe und die Intensität aller Sinneseindrücke hat er als vielfach verstärkt empfunden. Bis heute, so schreibt er, kann er noch manchmal den Regen riechen, der in schweren Tropfen auf den staubigen Boden Nigerias niederfiel.

Afrika hat Le Clézio nie losgelassen. Die Emphase, mit der er Bilder erzeugt, lässt auch den Leser ahnen, mit welcher Wucht die Selbsterfahrung über Menschen hereinbricht, die sich den Eindrücken der Weite, der ungezähmten Naturgewalt und der überkommenen Rituale und Anschauungen der Einheimischen hingeben. Die Stärke des Buches liegt in dem Existenziellen, das es berührt. Ich halte es für unbedingt lesenswert.

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18. April 2008

Lekuton, Joseph Lemasolai – Facing the Lion

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Lekuton, Joseph Lemasolai - Facing the Lion

Lekuton, Joseph Lemasolai - Facing the Lion

Joseph Lemasolai Lekuton schreibt in „Facing the Lion“ über seine Kindheit als Nomadenjunge bei den Massai. Dabei zeichnet er ein buntes Bild seiner Lebenswirklichkeit von der frühesten Kindheit an bis zu seinem Aufbruch nach Amerika, wo er studiert hat. Der Leser des Buches kann ein Kind ab zwölf Jahren oder aber ein Erwachsener sein. Für beide ist es ein großer Gewinn, wenn Lekuton behutsam das Fremde zum Vertrauten macht. Er nimmt seine Leser bei der Hand und führt sie wie gute Freunde durch das Dorf, zu seinen Freunden, mit denen er spielt oder zur Viehherde, die er betreut.

Später nimmt er sie auch mit zur Schule. Ein neues Gesetz hatte damals in Kenia für je einen Jungen aus jeder Familie die Verpflichtung geschaffen, zur Schule zu gehen. In der Familie Lekuton trifft es Joseph, der eigentlich noch zu klein ist für die Schule. Einer seiner Brüder sträubt sich aber sehr gegen sie und der andere wird dringend für die Arbeit mit dem Vieh gebraucht.

Für Joseph ändert sich dadurch fast alles. Er lernt eine Wirklichkeit kennen, die mit seinem bisherigen Leben nicht viel gemeinsam hat. Und doch findet er sich schnell in den schulischen Alltag ein und wird ein wissensdurstiger Schüler. Die große Schwierigkeit besteht für ihn nicht darin, in der einen oder in der anderen Wirklichkeit zurechtzukommen, sondern nicht einer von beiden fremd zu werden. Sein oberstes Ziel ist es, zwar zur Schule zu gehen und dort auch die Uniform zu tragen, in einem Bett zu schlafen und sesshaft zu sein, gleichzeitig aber ein Massai zu bleiben.

Eine große Stärke des Buches ist die Art, mit der dieses Spannungsverhältnis, dieses Leben zwischen zwei Welten, kindgerecht greifbar gemacht wird. Noch beachtlicher ist es, dass trotz der schönen und zugleich für kindliche Leser geeigneten Sprache, das Buch auch von Erwachsenen mit so großem Gewinn gelesen werden kann. Ein Massai, der zwischen zwei Welten aufwächst und es schafft, diese beiden Welten zu verschmelzen – das ist eine Geschichte, die den Leser vieles lehrt. Zum einen lernt er kennen, was für die Massai wichtig ist, was anders ist als bei einer Kindheit in Deutschland und auch was ähnlich ist. Zum anderen lernt er etwas ganz Entscheidendes, nämlich dass das Andere nicht eine Abgrenzung schaffen muss, sondern dass es mit dem Vertrauten zusammen ein besseres Ganzes ergeben kann. Das Buch ist daher ein sehr wichtiges Buch. Es macht das Fremde vertraut und zeigt, wie viel Verbindendes es selbst in einer Lebensweise gibt, die uns europäischen Lesern beim ersten Hinsehen sehr fremd erscheinen mag.

Eine weitere Stärke des Buches ist sein Unterhaltungswert, der sehr hoch ist, obwohl es dem Leser so vieles lehrt. Es greift Situationen aus dem Leben des jungen Lekuton heraus, die zum Teil sehr abenteuerlich sind – so z.B. die Begegnung mit Wilderen oder, noch abenteuerlicher, mit Löwen. Andere Begebenheiten sind eher kurios – so z.B. die Geschichte von dem Kneifer, der ein Auge auf unartige Kinder hat und diese kneift, damit sie sich in Zukunft benehmen.

Ich hatte mit diesem Buch ein paar Stunden großen Lesevergnügens und wünsche ihm eine große Aufmerksamkeit, zu der ich mit dieser Rezension hoffentlich auch einen kleinen Beitrag leiste.

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