14. Mai 2009

Abwarten und Tee trinken

Abgelegt unter: Kommentare zum Zeitgeschehen — Schlagwörter:, — Ina @ 16:52

 

Was ist los in Simbabwe?

Was ist los im Hyperinflationsland Simbabwe? Offenbar nicht viel, wenn man die dürftigen Pressemeldungen der letzten Wochen zum Maßstab nimmt. Noch vor gut zwei Monaten, zu des Präsidenten 85. Geburtstag und der dazugehörigen verschwenderischen Party, überschlug sich die weltweite Presse mit zum Teil wenig seriösen Berichterstattungen zu diesem Thema. Nun ist Simbabwe mit seinen Problemen wieder aus der kurzen Aufmerksamkeitsspanne verschwunden.

Das ist falsch. Denn es passiert einiges und zur Überraschung Vieler etwas Gutes. Jetzt drei Monate nachdem Morgan Tsvangirai und Robert Mugabe eine gemeinsame Regierung gebildet haben, werden erste Resultate sichtbar. So haben einige Schulen wieder geöffnet, die Preise stabilisieren sich, Grundnahrungsmittel sind wieder erhältlich und die Anzahl der Cholerafälle sind gesunken. Für ein Land, das eine unbeschreibliche Inflation hatte, eine Arbeitslosenquote über 90 Prozent und Menschen, die aus dieser völligen Hoffnungslosigkeit geflohen sind, grenzt diese positive Entwicklung an ein Wunder.

Trotz dieser optimistischen Nachrichten hält sich das Ausland zurück und die Unterstützung bleibt aus. Die Strategie in Europa und USA heißt „abwarten und beobachten“. Gründe dafür gibt es viele, der ausschlaggebende ist, dass Mugabe immer noch der mächtigste Mann in Simbabwe ist. Mit ihm seine loyalen Minister und Unterstützer. Keiner glaubt an einen wirklichen Gesinnungswandel dieser Machthaber. Aber auf was wartet man eigentlich? Dass Tsvangirai dem nächsten Mordanschlag zum Opfer fällt, dass durch den ausgebliebenen Sold die Armee die Regierung putscht oder, dass Mugabe stirbt und alles wieder gut wird. Davon könnte natürlich alles eintreten, außer vielleicht, dass alles wieder gut wird.

Die Regierung um Tsvangirai versucht ihr Bestes, im Moment haben sie aber große Probleme die Staatsbediensteten zu entlohnen. Dazu gehören nicht nur er selbst oder Mugabe sondern auch die frustrierte Armee, Lehrer, Krankenschwestern etc. Die soziale Infrastruktur ist nötig, damit in Simbabwe wieder ein normales Leben stattfinden kann. Das ist aber kein Plädoyer für eine Aufhebung der Sanktionen und Freigabe der gesperrten europäischen Konten der Regierung Mugabes, da dieses Geld bestimmt nie für die soziale Infrastruktur des Landes, sondern eher für Mugabes persönliche gedacht war. Sondern ich plädiere dafür, dass nach Strategien gesucht wird, wie die staatlichen Strukturen aufgebaut und gefördert werden. Im Augenblick werden hauptsächlich Nichtregierungsorganisationen unterstützt, was für das Überleben der Bevölkerung wichtig ist, aber dem Aufbau staatlicher Strukturen entgegenwirkt. Die Schulen und Krankenhäuser müssen wieder geöffnet werden und das funktioniert nur mit staatlichen Geldern.

Also „Abwarten und Tee trinken“ funktioniert nicht, sondern es muss nach Simbabwe geschaut und geholfen werden und zwar jetzt! Sonst wird sich in ein paar Monaten das Elend verschlimmern und die Kosten für einen Wiederaufbau steigen.

Vielleicht wird darauf extra gewartet, dann kann man wieder Soforthilfe leisten und seine Überschussproduktion aus seiner hoch subventionierten Landwirtschaft loswerden. Aber das ist nur ein ganz böser Gedanke, der einer frustrierten Afrikanistin einfallen könnte.

Video zum Thema:

Weiterführende Informationen zur Lage in Simbabwe:

Besonders aufschlussreich: Der Tagesspiegel: Mit harter Währung (17.04.2009)
Associated Press: Menschenrechtsanwalt in Simbabwe festgenommen (14.05.2009)
Ruhr Nachrichten.de: Wir sind pleite (02.05.2009)
Focus.de: Neue Verfassung gegen die Krise (12.04.2009)
Focus.de: Unglück oder Anschlag (07.03.2009)

8. Mai 2009

Buchempfehlung: Edition Le Monde diplomatique. Afrika: Stolz und Vorurteile

Abgelegt unter: Afrika-Bücher — Schlagwörter:, — Ina @ 16:14
le-mondetaz-afrika-stolz-und-vorurteile

Edition Le Monde diplomatique. Afrika: Stolz und Vorurteile

Rohstoffreichtum, Korruption und Kriege prägen das Bild vom subsaharischen Afrika. Doch es ist auch ein Erdteil, dessen Bewohner zu Recht stolz sind: auf die weitgehende Unabhängigkeit von den Kolonialmächten, ihre eigenen Wege zur Demokratie, eine reiche Kultur und natürlich auch den afrikanischen Fußball.

Doris Lessing, Achille Mbembe, Joseph Stiglitz u.a. berichten über Probleme und Hoffnungen in Afrika.

Weiterführende Informationen:

Website von Monde-diplomatique.de

4. Mai 2009

Neue Musik aus Afrika

Abgelegt unter: Musik — Schlagwörter:, — Ina @ 19:41

Am 22.04.2009 ist in Deutschland das neue Album Vérité d’Afrique von Pierre Akendengué erschienen. Der 1943 in Gabun geborene Künstler besingt in seinen Liedern zu gefälligen Klängen die Liebe und den Alltag in Afrika. Ein großes Verdienst Akendengués war es 1993, den Gesang von Pygmäen aus Gabun mit Kantaten von J.S. Bach auf harmonische Weise zu verschmelzen.

Reinhören und kaufen:

Für mehr Informationen empfehle ich:

Offizielle Homepage des Künstlers
Eintrag im Künstlerlexikon von funkhauseuropa.de

17. April 2009

Buchempfehlung: Mwangi, Meja – Big Chiefs

Abgelegt unter: Afrika-Bücher — Schlagwörter: — Ina @ 13:18
Mwangi, Meja - Big Chiefs

Mwangi, Meja - Big Chiefs

In diesem Monat habe ich ein Buch eines kenianischen Schriftstellers ausgewählt, das eindrucksvoll zeigt, wie der ewige Kampf um Macht und Geld, den einzelne “Big Chiefs” führen,  das Elend der breiten Bevölkerung bedingt.

Kurztext:

Vor den Toren einer afrikanischen Großstadt, in einer Grube, die für den Müll ausgehoben wurde, leben die Aussortierten der Gesellschaft in Hunger und Elend. In einer Hütte sitzt ein blinder Alter, der sich erinnert, wie alles begann. Der alles gesehen und gehört hat. Das Machtspiel der “Big Chiefs”, von denen er selbst einer war. Die Verschwörung, das Schleifen der Macheten, das Morden. Der Alte spricht und singt davon, Tag und Nacht. Der Junge, der die Hütte mit ihm teilt, klagt den Alten an, weil der nichts verhindert hat. In ihm wächst die Wut.
Eines Nachts verlässt er die Grube, um einen lang gehegten Plan auszuführen. Um seinetwillen, um des Alten willen. Und um des Mädchens willen, das wie er in der Grube lebt und seine Kinder mit bitteren Pflanzen am Leben hält. Inmitten eines apokalyptischen Szenarios entspinnt sich eine hochmoralische Geschichte.
Meja Mwangi gibt seiner Stadt und seinen Protagonisten keine Namen. Er wählt für seinen Roman die Form der Parabel, denn was er erzählt, scheint erschreckend wiederholbar. Es trifft die Ereignisse in Ruanda, findet Parallelen in Somalia, in Zimbabwe und in der jüngsten Geschichte Kenias.

Mehr unter: http://www.afrozone.de

1. April 2009

Warum ausgerechnet Omar al-Bashir?

Abgelegt unter: Kommentare zum Zeitgeschehen — Schlagwörter:, , , — Ina @ 13:07

Omar al-Bashir

Herr Bashir, was haben Sie nur angestellt, dass die westliche Welt so sauer auf Sie ist? Sie haben es geschafft, als erster amtierender Präsident vor dem internationalen Strafgerichtshof gestellt zu werden. Falls es das Gericht zuwege bringen sollte, Sie festzunehmen – ohne eigene Polizei und Armee.

Die offiziellen Gründe für Ihre Unbeliebtheit sind ja allgemein bekannt. Das kann meines Erachtens nicht alles sein. Denn was Menschenrechtsverletzungen am eigenen Volk angeht, sind Sie keine herausragende Persönlichkeit. Da gab es schon andere vor Ihnen. Und warum auch ausgerechnet jetzt? Immerhin hat der unabhängige Sudan mehr Kriegs- als Friedenszeiten erlebt. Schon in den 80ern und 90ern starben Tausende von Menschen und weder den sudanesischen Präsidenten, noch die allgemeine Weltöffentlichkeit hat es mehr oder minder interessiert.

Eine Antwort liegt wahrscheinlich darin, dass der Sudan damals uninteressant war. Ein weiteres großes, armes Land auf dem Schwarzen Kontinent, wo schwarze Menschen durch die Hand anderer schwarzer Menschen starben – nichts Besonderes. Eine neue Dimension erhielt der Sudan mit den ersten größeren Funden an Erdöl. Das schwarze Gold konnte nun mehr Aufmerksamkeit für sich verbuchen als die schwarzen Bewohner. Durch internationale Unterstützung kam es dann schließlich zu einem Friedensvertrag, über dessen Durchsetzung man geteilter Meinung sein kann.

Herr al-Bashir, Sie haben es wahrscheinlich vergessen, dass der Westen es nicht mag, wenn man ihn für seine Hilfe nicht dankbar ist. Sie suchten sich Ihre neuen Freunde – die nach den Ölfunden natürlich Schlange standen – in China und dem Nahen Osten. Kann man ja verstehen. Mit denen können Sie bei einem Glas Tee viel besser ihre Gemeinsamkeiten austauschen. Vielleicht hätte man Ihnen diese Undankbarkeit verziehen.

Aber dann haben Sie einen entscheidenden Fehler begangen: Sie haben zu wenig in Ihre PR investiert und haben die Kraft der Bilder unterschätzt. Denn seit die Prominenten den vergessenen Flecken namens Darfur für sich entdeckt haben, sieht die breite Weltöffentlichkeit sterbende Frauen und Kinder und nicht nur ein paar engagierte Entwicklungshelfer und ihre Unterstützer. Als Verantwortlicher für diese Unmenschlichkeit wurde Ihr Name und Gesicht dargestellt und Sie haben es versäumt, dagegen etwas zu unternehmen. Sie hatten wahrscheinlich die Hoffnung, die westliche Welt vergisst genauso schnell wieder, wie sie darauf aufmerksam geworden ist – so wie sonst eben auch. Leider waren die menschlichen Katastrophen in letzter Zeit nicht so schlimm, wie in Darfur und deshalb stehen Sie immer noch auf der Unbeliebheitsskala ganz oben.

Sie lernen hoffentlich daraus, nicht zu sehr an einem Freundeskreis zu hängen und unbedingt mehr in eigene PR zu investieren. Man muss vermeiden, dass man selbst zum Sündenbock wird. Schauen Sie sich Ihre Nachbarn im Kongo an. Dort sterben auch täglich Menschen, aber das ganze wird so undurchsichtig gehalten, dass es kaum jemanden interessiert oder haben Sie dort schon einmal eine Angelina Jolie gesehen?

Jetzt ist es zu spät. Sie müssen beim Reisen aufpassen oder Sie landen in Den Haag. Mein Tipp: Suchen Sie sich einen schönen Rentensitz in China, vielleicht ist ja die Villa neben Herrn Mugabe in Hongkong noch frei.

Trotz aller Ironie: Die Anklage vor dem internationalen Strafgerichtshof ist ein wichtiger Anfang.

Video zum Thema:
Leider auf Englisch, aber sehr passend:

Weiterführende Informationen:

Weblog Sicherheitspolitik: Hoher Funktionär verteidigt al-Bashir (19.03.2009)
Alsharq-Blog: Der Haftbefehl gegen Omar al-Bashir und seine Folgen (05.03.2009)
Amnesty International USA-Weblog: A step towards justice for Darfur? (04.03.2009)


5. März 2009

Happy Birthday Herr Mugabe!

Abgelegt unter: Kommentare zum Zeitgeschehen — Schlagwörter:, — Ina @ 15:48

 

Happy Birthday Herr Mugabe!

Es ist ein wenig spät, aber ich wollte es mir doch auf keinem Fall nehmen lassen, Herrn Robert Mugabe, Präsident Simbabwes, zu seinem Ehrentag zu gratulieren, wenn auch nachträglich.

85 Jahre alt, dass ist eine ganz schöne Leistung und das nicht nur hier in Deutschland mit seinem in die Jahre gekommenen Pflege- und Rentensystem. In einem Land, wo die Lebenserwartung bei ca. 40 Jahren liegt, ist es eine noch viel größere Leistung. Dieser Mann ist wirklich außergewöhnlich.

Neben einer robusten Gesundheit hat er auch das Talent, trotz aller Anfeindungen von außen und innen, immer noch Präsident zu sein und das seit über 20 Jahren. Auch dafür: Herzlichen Glückwunsch! Wie schafft man das?

Als Erstes natürlich: Feindbilder schaffen. Das war für ihn nicht schwer – der Großteil der weißen Bevölkerung hat sich in der langen Geschichte des Landes nie wirklich integriert und die schwarze Bevölkerung nie gleichberechtigt behandelt, das blieb auch nach der Unabhängigkeit so. Also weg mit den Störenfrieden, die fast ausschließlich zur Opposition gehörten und viel zu viel wirtschaftliche Macht besaßen. Damit hat er mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Dass es dabei zu einigen Todesfällen kam und die Nahrungsmittelwirtschaft zusammenbrach, sollte dabei nicht im Vordergrund stehen – man muss das Gesamtkonzept sehen!

Zweitens: Opposition ausschalten. Es gibt ja immer wieder Menschen, die nicht an einen glauben wollen und denken sie können alles besser. Dabei sollte man erst einmal mit juristischen Mitteln ihr Wirken einschränken, sich der Presse annehmen, damit sie ihre Lügen nicht verbreiten kann und schließlich, wenn alles nichts hilft, muss man zu anderen Einschüchterungsmaßnahmen greifen oder ihnen einen machtlosen Posten in der Regierung anbieten.

Drittens: die Bevölkerung. Dieser muss immer wieder gezeigt werden, wie schön das Land ist, in dem sie leben dürfen und welchen Reichtum es besitzt, indem man immer wieder seinen eigenen Reichtum öffentlich zeigt. Gelegenheiten gibt es genug, wie zum Beispiel eine pompöse Geburtstagsfeier. Falls der Großteil des eigenen Volkes in Armut lebt, liegt es entweder an jedem selbst oder an den Feinden der Regierung innerhalb oder außerhalb des Landes, nie an dem Präsidenten.

Alle diese Punkte hat Robert Mugabe bestens befolgt und er hat gezeigt, dass es funktioniert. Dass es dennoch für ihn in seinem eigenen Land ungemütlich geworden ist, liegt vielleicht daran, dass ein Großteil der Bevölkerung aus unerfindlichen Gründen wegzieht oder stirbt. Und was ist ein Diktator ohne Volk? Falls es soweit kommen sollte, dürfen sich die Hongkonger freuen, sie haben es geschafft, dass sich Mugabe so wohl in ihrer Stadt fühlt, dass er schon einen Teil seines Vermögens und einen Teil seines Familienclans dorthin übergesiedelt hat. Vielleicht hat er sich Hongkong auch ausgesucht, um einen eigenen neuen Staat zu gründen. Zutrauen würde ich es ihm und Menschen gibt es dort auch genug.

Also hoch die Champagnergläser und aufpassen, dass der Hummer nicht im Halse stecken bleibt!

P.S. Kennen lernen würde ich diesen Mann gerne einmal, vielleicht begreift man den Wahnsinn besser, wenn er einem gegenüber steht.

Video zum Thema:

Weiterführende Informationen:
Blackworld-Blog: It´s Party Time! (11.02.2009)
Rabenzeit: Keine Hoffnung für Afrika!? (01.02.2009)
Transafrika-Blog: Simbabwe: Abkommen über Machtteilung zwischen Mugabe und Tsvangirai (15.09.2008)

21. Februar 2009

Piñol, Albert Sánchez – Pandora im Kongo

Abgelegt unter: Afrika-Bücher — Schlagwörter: — Ina @ 16:20

 

Piñol, Albert Sánchez - Pandora im Kongo

„Der Kongo, ein grüner Ozean und unter Bäumen – nichts“

(Albert Sánchez Piñol aus Pandora im Kongo)

Pandora im Kongo erzählt zwei Geschichten über zwei Hauptfiguren. Die erste Hauptfigur und zugleich Erzähler ist Thomas Thomson. Er blickt zurück auf seine Jahre, die er vor und während des ersten Weltkrieges in London als junger Schriftsteller verbracht hat, der für andere schreibt. Nach einigen wenig einträglichen Romanen, die er für einen Trivialbuchautor schreibt, gerät er durch eine Kette merkwürdiger Zufälle an einen Anwalt, der die Öffentlichkeit durch ein literarisches Werk auf die Geschichte einer seiner Klienten aufmerksam machen möchte. Er beauftragt Thomsen damit, den mordverdächtigen Garvey wöchentlich im Gefängnis aufzusuchen und seine Geschichte niederzuschreiben. Darin sieht er die einzige Chance, dessen Unschuld allen glaubhaft zu machen und zu zeigen, um welch einen Helden es sich tatsächlich bei Garvey handelt. Diesem wird vorgeworfen, zwei britische Aristokraten, die er als Diener begleitet hat, aus reiner Gier im Kongo ermordet zu haben.

Die Geschichte, die Thomson von Garvey hört, ist aberwitzig. Zunächst handelt sie von der wochenlangen Wanderung durch den kongolesischen Urwald auf der Suche nach Gold und Diamanten. Dabei werden Dörfer zu Stätten, an denen auf brutale Weise Träger rekrutiert werden. Der Wert eines Menschenlebens wird dabei von den drei Weißen in Kilo gewogen, die der Lastenträger tragen kann. Der größte Schrecken und meist ein Todesurteil bedeutet dabei das Los, der Champagnerträger zu sein, da die Kiste mit den Champagnerflaschen die schwerste ist. Nach vielen Toden gelangt die Gruppe an eine Lichtung, wo in der Geschichte Garveys das Gold schon an der Oberfläche lag. Die Schwarzen müssen eine Mine ausheben, in der sie nachts selbst eingesperrt sind.

Dann passiert das Aberwitzige. Ein Wesen aus dem Untergrund, aus dem Erdreich, taucht auf. Es ist menschenähnlich, aber doch kein Mensch. Später erscheinen mehr und mehr von diesen Wesen, sogenannten Tektonern. Darunter ist Amgan, ein weibliches Wesen, in das Garvey sich verliebt. Es ist der Anfang einer reinen, archetypischen Liebe. Die Ereignisse werden im Laufe der Geschichte immer fantastischer und führen in unterirdische Gänge, die tief unterhalb des Kongos liegen. Garvey und die beiden englischen Adligen, die sich nach schweren Kämpfen mit tektonischen Soldaten geschlagen geben mussten, werden tagelang als Entführte durch Katakomben geführt, bis sie eine so gewaltige unterirdische Stadt erblicken, wie sie die Fantasie kaum erschaffen kann. Doch es kommt nicht dazu, dass sie über die Schwelle dieser fremdartigen Welt treten. Die Menschen können ihre Entführer durch eine List überwältigen und fliehen. Am Ende findet Garvey auch seine geliebte Tektonerin wieder, mit der er sich auf höchst romantische Weise in der Krone eines Baumes liebt. Doch er erkennt die Bedrohung, die der Menschheit aus dem unterirdischen Volk erwachsen kann, und kehrt zurück in die Katakomben, um sie mit Sprengstoff zu versiegeln. Heldenhaft rettet er die Menschheit, indem er die zwei Welten für immer voneinander trennt. Dabei nimmt er in Kauf, dass er auch seine Liebesbande zu der Tektonerin durchtrennen muss, die in ihre Heimat zurückkehrt.

Diese krude Geschichte ist fantastisch und romantisch. Thomson glaubt an sie, weil er an sie glauben möchte. Er verliebt sich selbst in Amgan, die Figur der Tektonerin, die er in Literatur verwandelt. Später muss er feststellen, dass die Liebe keinen Unterschied macht zwischen Wahrheit und Trugbild. Die Wahrheit, die er später über die tatsächlichen Abläufe im Kongo erfährt, ist nicht seine Wahrheit, an die er glauben will.

Der Kongo ist in Piñols Werk ein Sinnbild. Es geht nicht um den realen Kongo, sondern um einen fernen Ort, der schon immer unentdeckt irgendwo existiert hat. Es geht auch um die Leichtgläubigkeit, die aus Sehnsucht nach dem Übernatürlichen entsteht, die auf das noch Unentdeckte projiziert wird. Dabei denke man bloß an alte Landkarten aus dem 16. oder 17. Jahrhundert, in denen das Meer voll von Seedrachen und die weißen Flecken voll von Menschenfressern und Fabelwesen waren. Die Geschichte Garveys ist aber auch sinnbildlich für den Kampf um Macht, der zuerst zwischen Schwarzen und Weißen und dann zwischen Weißen und Tektonern tobt. Das dritte Element, das Piñol hintersinnig mit den Tektonern einführt, zeigt die Beliebigkeit von Hautfarbe oder Herkunft, wenn es um die Durchsetzung der eigenen Interessen, Kultur oder des eigenen Wesens geht. Bis zum letzten Kapitel bleibt die Wahrheit etwas sehr relatives, über das Piñol geschickt sowohl seine Leser als auch Thomson, seine Hauptfigur, im Unklaren lässt. In der Mitte des Romans sind einige Passagen zwar etwas zäh zu lesen, weil Ereignisse sich unpointiert aneinanderreihen, aber das mindert nicht die literarische Qualität dieses tektonisch sehr raffiniert angelegten Werkes. Durch mehrere Handlungsstränge, die z.T. miteinander verschmelzen, wird über mehrere Ebenen ein Spannungsbogen aufgebaut, der sich bis zum Ende, bis zur Auflösung des Rätsels, hält.

„Die größte Lüge ist immer die glaubhafteste Lüge“ (Albert Sánchez Piñol aus Pandora im Kongo)

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10. Februar 2009

Koloniales Denken – Geschichte?!

Abgelegt unter: Afrika in Deutschland — Schlagwörter:, — Ina @ 15:50

Vor ein paar Tagen war ich bei einem Vortrag über das Verhältnis vergangener Forschungsreisender und Kolonialismus. Wie bei solchen Abenden üblich, waren fünfzig Prozent des Publikums über sechzig Jahre. Woran das liegt, habe ich noch nicht herausgefunden. Wahrscheinlich ist ein entscheidender Faktor, dass die Vortragenden meist aus der gleichen Altersklasse stammen. Aber das ist jetzt gar nicht mein Thema, auch nicht der Vortrag an sich – der im Übrigen eher durchschnittlich war – sondern die spannende Aussage eines Zuhörers in der Diskussionsrunde.

Er meinte – nebenbei auch einer von der etwas ergrauten Publikumshälfte –, dass der Kolonialismus doch auch etwas sehr Positives gehabt habe. Immerhin wäre damit der afrikanische Sklavenhandel, der ja „vor allem von Afrikanern und Arabern ausgeführt wurde“, beendet worden. „Jetzt mussten die Tuareg selbst arbeiten“ und hätten nicht mehr ihre willenlosen Arbeiter gehabt.

Durch mein Studium der Afrikanistik bin ich einiges an absonderlichen Vorurteilen gewöhnt. Dennoch war ich diesmal mehr als überrascht. Von einem Menschen, der sich scheinbar für diese Problematik interessiert, immerhin hat er sich den Abend dafür frei genommen und den Weg ins Völkerkundemuseum gefunden, hätte ich doch mehr erwartet. Und eigentlich hatte ich diesen Vorfall schon fast wieder vergessen und wollte ihn auch nicht zu dem Thema der Kolumne machen, dann wurde ich aber wieder von einem typischen Vorurteil vor den Kopf gestoßen.

Ich habe die „Bild“ gelesen. Gut, über diese Zeitung kann man geteilter Meinung sein. Aber dennoch dachte ich immer, dass hinter den Artikeln Menschen stehen, die einen gewissen Bildungsgrad besitzen, da sie doch eine Form von Journalismus betreiben. Und was las ich: hinter dem fremdartig klingenden Namen einer Frau stand „afrikanisch für…“*. Noch einmal kurz zur Erinnerung: Afrika ist kein Land und afrikanisch ist keine Sprache.

Das sind vielleicht nur Kleinigkeiten und die meisten werden sagen, ich rege mich künstlich auf, aber es ist nicht das erste Mal und es wird nicht das letzte Mal sein, dass mir diese Vorurteile in Bereichen begegnen, wo ich es nicht erwarte. Diese Kleinigkeiten, die nicht immer unbedingt durch Unwissenheit entstehen, sondern durch bedenkenloses Handeln passieren, verursachen in der breiten Masse die Vorurteile, die typischerweise mit Afrika verbunden werden. Es führt dazu, dass Menschen, die entweder so etwas hören wie „der Kolonialismus hat den afrikanischen Sklavenhandel beendet“ oder „in Afrika sprechen sie afrikanisch“, sich nicht weiter damit auseinandersetzen und es so hinnehmen. Ich will das so nicht hinnehmen. Afrika besteht nicht nur aus hungernden, wilden Menschen, die sich gegenseitig massakrieren, sondern es ist ein Kontinent (!), der sehr vielseitig ist und eine komplizierte, stark mit Europa verbundene Geschichte besitzt. Das sollte immer wieder betont werden, damit keine Bestärkung der schon vorhandenen Vorurteile, stattfindet.

* Bildzeitung, Ausgabe Leipzig 32/6, 07.02.2009, S. 15

3. Februar 2009

Eggers, Dave – Weit gegangen

Abgelegt unter: Afrika-Bücher — Schlagwörter:, — Ina @ 19:20

Eggers, Dave - Weit gegangen

 

Ob es immer gut ist, einen Roman mit dem Ausspruch „Das beste Buch des Jahres“ zu bewerben, ist fraglich. Einerseits lässt er sich damit gut verkaufen, anderseits werden dadurch Erwartungen geweckt, die selten erfüllt werden können. Mich jedenfalls haben das Cover, der Inhalt und die selbstbewusste Werbung angelockt und dazu gebracht, den 762-Seiten-Wälzer zu lesen.

Dave Eggers erzählt die Geschichte von Valentino Achak Deng, einem jungen Sudanesen, der als Kind aufgrund des Bürgerkrieges aus seiner Heimat hatte fliehen müssen und nach Jahren in Flüchtlingslagern in die USA emigrierte. Dabei wird die Geschichte nicht linear geschildert, sondern wechselt zwischen seinem Leben in den USA und seinem Leben im Sudan, Äthiopien und Kenia. Diese Schnitte wirken aber weder störend, noch verwirrend, ganz im Gegenteil – der Spannungsbogen wird dadurch konstant gehalten, da man bei jedem Wechsel wissen möchte, wie der einzelne Erzählfaden weiter geht. Die Erzählweise aus der Ich-Perspektive unterstützt die Verbundenheit, die man als Leser mit dem Protagonisten immer mehr aufbaut.

Dave Eggers hat es geschafft, anhand der Lebensgeschichte von Valentino Achak Deng, das Leiden und gleichzeitig die Willensstärke der Menschen des Südsudan großartig zu beschreiben. Der Roman ist sehr aufwühlend und manchmal zu schrecklich, um weiterzulesen, aber es ist auch unmöglich, ihn wegzulegen. Die Grausamkeiten, die Valentino als Junge während seiner Flucht aus dem Sudan erfährt, sind so unvorstellbar, dass sie wahr sein müssen. Dieser Gedanke lässt einem während des Lesens nicht los und macht das Buch zu einem wichtigen Zeugnis unserer Zeit. Es zeigt wieder einmal, wann Menschen aufhören Mensch zu sein. Gleichzeitig erfährt man wichtige politische Hintergrundinformationen zu den Gründen des Bürgerkrieges. Diese wirken zwar an manchen Stellen im Erzählfluss deplatziert, sind aber wichtig für das Verständnis.

Ich weiß nicht, ob es das beste Buch des Jahres ist – wahrscheinlich aber eines der besten. Deshalb möchte ich diesen Roman jedem empfehlen: er ist sehr spannend, liest sich hervorragend und ist aufwühlend, ohne ins Kitschige und Sentimentale abzurutschen. Vor allem hat die Thematik keineswegs an Aktualität verloren, wenn man nur an die bestürzenden Bilder aus Dafur denkt. Mit diesem Buch wird das Leben und Leiden der Sudanesen verständlicher und auf schreckliche Weise fassbarer.

Dennoch lässt mich der Roman etwas unbefriedigt zurück. Ich möchte noch mehr von Valentino Achak Deng erfahren. Jeder einzelne seiner Lebensabschnitte ist ein eigenes Buch wert. Ich hoffe, Dave Eggers lässt sich durch den Erfolg seines Romans dazu bringen, noch einige Fortsetzungen zu schreiben; Stoff hätte er genug.

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12. Januar 2009

Le Clézio, Jean-Marie Gustave – Onitsha

Abgelegt unter: Afrika-Bücher — Schlagwörter:, , — Ina @ 19:41
 
 

 

Le Clézio, Jean-Marie Gustave – Onitsha

Der Literatur-Nobelpreisträger von 2008 ist ein Erzähler mit einer eigenen Sprache in die man sich erst einmal „hineinfinden“ muss. Die dann aber einen umso mehr beeindruckt hinterlässt.

Erzählt wird die Geschichte des Jungen Fintan, der mit seiner Mutter kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nach Nigeria fährt, um zu seinem dort lebenden Vater zu ziehen. Seine Mutter ist vom dortigen konservativen und langweiligen Leben der weißen Bevölkerung enttäuscht und zieht sich langsam zurück, während Fintan seine kindliche Freiheit genießt und die afrikanische Wildnis lieben lernt. Er freundet sich mit einem jungen Schwarzafrikaner an und lernt durch diese Freundschaft andere Sichtweisen und Glaubensvorstellungen kennen.

Die Fremdartigkeit der Kultur und Landschaft zieht Fintan immer mehr in seinen Bann. Sie wird zu seiner wahren Heimat und für ihn unvergesslich. Seine Freundschaft und sein Leben in Nigeria scheitern schließlich an dem stoischen Festhalten der weißen Bevölkerung an der alten Kolonialordnung.

J.M.G. Le Clézio hat einen schönen Roman geschrieben, bei dem die ersten 70 Seiten, auf denen er die Schiffsreise von Fintan und seiner Mutter beschreibt, etwas langatmig sind. Irritiert hat mich auch die seltsam anmutende Beziehung zwischen Mutter und Sohn, die teilweise einen sexuellen Unterton zu haben schien. Mit der Ankunft in Nigeria verändert sich der Roman. Das Leben dort tritt mehr in den Vordergrund und nicht mehr die Mutter-Sohn-Beziehung. Clézio erreicht es trotz langer erzählerischer Landschaftsgemälde, sich nicht im Kitsch zu verlieren. Er beschreibt die Fremdartigkeit, die gleichzeitig vertraut wirkt und würzt das Ganze mit einem alten afrikanischen Mythos, der schließlich durch das rücksichtslose Verhalten des Kolonialismus und der heutigen Politik zerstört wird. Dadurch schafft er es, ohne dass es aufgesetzt wirkt, den Bogen zur Neuzeit und den jetzigen Problemen im jetzigen Nigeria zu spannen.

„Onitsha“ ist eine gute Erzählung, die neugierig macht, sich den anderen Afrika-Romanen von J.M.G. Le Clézio zu nähern.

Mehr unter: http://www.afrozone.de

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