1. September 2010

Parkin, Gaile: Kuchen backen in Kigali

Abgelegt unter: Afrika-Bücher — Schlagwörter:, — Ina @ 08:41

Angel lebt mit ihrem Ehemann und ihren fünf Enkelkindern in Kigali. Auf die zusätzlichen Einnahmen angewiesen, backt Angel Kuchen und Torten für Anlässe aller Art. Unter der Last ihres eigenen Schicksals, das ihr beide Kinder genommen hat, widmet sie sich mit viel Einfühlungsvermögen den Problemen ihrer Freunde, Nachbarn und Kunden. Genauso bunt wie ihre Kuchen sind die Geschichten, die hinter jedem Schicksal stehen.

Angel, der Name ist Programm, denn mit ihren ganz eigenen Methoden versucht sie jedem zu helfen, der bei ihr vorbeischaut. Aus den Gesprächen, die Angel mit ihren Kunden und Nachbarn bei einer Tasse süßen Tees mit einer Prise Kardamon führt, entsteht beim Leser ein Abbild des heutigen Ruanda. Ob sie nun mit ihrer Nachbarin Amina, der Barfrau Francoise oder mit Bosco, dem Chauffeur eines ausländischen NRO-Mitarbeiters spricht. Immer werden dabei viele der aktuellen Themen Ruandas berührt. Vergebung, HIV, die Rolle von Mann und Frau, Schulbildung oder die große Anzahl von Waisenkindern und das, was die Menschen umtreibt. Angel kommt ursprünglich aus Tansania und ist erst nach dem Genozid nach Ruanda immigriert. Dadurch ist es ihr möglich von außen auf die ruandische Gesellschaft zu blicken, wie es ein Ruander kaum kann.

Die Autorin verknüpft kunstfertig Unterhaltung und Information über den Alltag in der ruandischen Großstadt. Das ist kein Buch über den Genozid, ebenso darf man keine intensive Auseinandersetzung mit den Problemen in Ruanda erwarten. Es ist ein unterhaltsames Buch, welches ein farbenfrohes Bild Afrikas und Ruandas im Speziellen zeigt. Dementsprechend passt auch der sehr markante Bucheinband. Ein zuckersüßes Buch, genau das richtige für trübe Novembertage.

5. Mai 2010

Gourevitch, Philip: Wir möchten Ihnen mitteilen, daß wir morgen mit unseren Familien umgebracht werden: Berichte aus Ruanda

Abgelegt unter: Afrika-Bücher — Schlagwörter:, — Ina @ 14:40

Das ist wahrscheinlich einer der längsten Titel für ein Buch, was ich jemals in den Händen hielt, aber der Titel passt fantastisch: Er ist nicht nur authentisch (das Zitat ist einem Brief entnommen), sondern er gibt auch den Grundtenor des Buches wieder. Das ganze Buch ist eine Anreihung von Geschehnissen, die so unglaublich sind, dass man sie nicht glauben möchte. Dennoch sind sie geschehen und werden sicherlich wieder geschehen. Der Ausspruch „Nie wieder“ der nach dem Holocaust gesprochen wurde, wird auch nach dem ruandische Genozid sein Versprechen nicht halten.

Das gut recherchierte Sachbuch zeigt nicht nur die Ursachen des Völkermordes in Ruanda auf, sondern zeigt auch wie in den ersten Jahren danach in Ruanda damit umgegangen wurde. Gleichzeitig wird immer wieder vor Augengeführt in welchem Ausmaß die Weltgemeinschaft versagt hat und zum Teil die falsche Seite unterstützt hat.

Das Buch vermittelt einen guten Überblick über das Thema und liest sich sehr gut. Durch zahlreiche Interviews werden die getroffenen Aussagen gestützt und sind realer. Gourevitch sprach nicht nur mit Überlebenden, Tätern und EZ-Helfern, sondern auch mit der neuen politischen Riege in Ruanda, vor allem mit dem jetzigen Präsidenten Paul Kagame. Dadurch ist dieses Buch auch für jeden zu empfehlen, der sich mit der jetzigen Situation in Ruanda beschäftigt. Die politische und wirtschaftliche Situation ist besser zu verstehen, in dem man der Entwicklung kurz nach dem Genozid mehr Beachtung schenkt.

1. August 2009

Buchtipp: Seitz, Volker – Afrika wird armregiert

Abgelegt unter: Afrika-Bücher — Schlagwörter:, — Ina @ 18:08

…oder Wie man Afrika wirklich helfen kann: Mit einem Vorwort von Rupert Neudeck

Ein Insider aus dem Diplomatischen Dienst meldet sich zu Wort Entwicklungshilfe wird reichlich gegeben. Sie wird als gute Tat nicht infrage gestellt. Das gilt auch für die Arbeit von Hilfsorganisationen. Doch die traurige Wahrheit ist, dass diese Art von Hilfe den wichtigsten Mechanismus zerstört, der langfristig die Armut beseitigen kann: die Entwicklung eines kompetenten, unbestechlichen und den Interessen der Bevölkerung dienenden Staatsapparates.

Ein Ende ist nicht in Sicht, solange die korrupten Eliten vom “Stamm der Wa Benzi”, so genannt nach der sehr beliebten Automarke, in ihrer Ausplünderungsmentalität ohne jede Verantwortung regieren und unbekümmert die Ressourcen verschwenden können, weil dieser Missbrauch für sie keine Folgen hat. Die Gelder fließen ja weiter. Nach 17 Jahren als Diplomat in Afrika plädiert Volker Seitz dafür, dieser schädlichen Art der Unterstützung ein Ende zu machen und völlig neue Wege zu gehen.

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12. Juni 2009

Buchempfehlung: Speitkamp W. – Kleine Geschichte Afrikas

Abgelegt unter: Afrika-Bücher — Schlagwörter: — Ina @ 13:24

Speitkamp: Kleine Geschichte Afrikas

Eine Geschichte Afrikas? Des angeblich geschichtslosen Kontinents? Winfried Speitkamps Buch bewegt sich jenseits der üblichen Klischees: Seine Geschichte Schwarzafrikas stellt politische Formationen, Reiche und Staaten vor, von den Anfängen in alten, schriftlosen Kulturen, während und nach der Kolonialzeit, bis zu den aktuellen Problemen der Vergangenheitsbewältigung in Südafrika und Ruanda. Er beschreibt die gesellschaftliche Vielfalt und zeigt die Bewohner afrikanischer Länder nicht als Opfer, sondern als Handelnde ihrer eigenen Geschichte.

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8. Mai 2009

Buchempfehlung: Edition Le Monde diplomatique. Afrika: Stolz und Vorurteile

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Edition Le Monde diplomatique. Afrika: Stolz und Vorurteile

Rohstoffreichtum, Korruption und Kriege prägen das Bild vom subsaharischen Afrika. Doch es ist auch ein Erdteil, dessen Bewohner zu Recht stolz sind: auf die weitgehende Unabhängigkeit von den Kolonialmächten, ihre eigenen Wege zur Demokratie, eine reiche Kultur und natürlich auch den afrikanischen Fußball.

Doris Lessing, Achille Mbembe, Joseph Stiglitz u.a. berichten über Probleme und Hoffnungen in Afrika.

Weiterführende Informationen:

Website von Monde-diplomatique.de

17. April 2009

Buchempfehlung: Mwangi, Meja – Big Chiefs

Abgelegt unter: Afrika-Bücher — Schlagwörter: — Ina @ 13:18
Mwangi, Meja - Big Chiefs

Mwangi, Meja - Big Chiefs

In diesem Monat habe ich ein Buch eines kenianischen Schriftstellers ausgewählt, das eindrucksvoll zeigt, wie der ewige Kampf um Macht und Geld, den einzelne “Big Chiefs” führen,  das Elend der breiten Bevölkerung bedingt.

Kurztext:

Vor den Toren einer afrikanischen Großstadt, in einer Grube, die für den Müll ausgehoben wurde, leben die Aussortierten der Gesellschaft in Hunger und Elend. In einer Hütte sitzt ein blinder Alter, der sich erinnert, wie alles begann. Der alles gesehen und gehört hat. Das Machtspiel der “Big Chiefs”, von denen er selbst einer war. Die Verschwörung, das Schleifen der Macheten, das Morden. Der Alte spricht und singt davon, Tag und Nacht. Der Junge, der die Hütte mit ihm teilt, klagt den Alten an, weil der nichts verhindert hat. In ihm wächst die Wut.
Eines Nachts verlässt er die Grube, um einen lang gehegten Plan auszuführen. Um seinetwillen, um des Alten willen. Und um des Mädchens willen, das wie er in der Grube lebt und seine Kinder mit bitteren Pflanzen am Leben hält. Inmitten eines apokalyptischen Szenarios entspinnt sich eine hochmoralische Geschichte.
Meja Mwangi gibt seiner Stadt und seinen Protagonisten keine Namen. Er wählt für seinen Roman die Form der Parabel, denn was er erzählt, scheint erschreckend wiederholbar. Es trifft die Ereignisse in Ruanda, findet Parallelen in Somalia, in Zimbabwe und in der jüngsten Geschichte Kenias.

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21. Februar 2009

Piñol, Albert Sánchez – Pandora im Kongo

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Piñol, Albert Sánchez - Pandora im Kongo

„Der Kongo, ein grüner Ozean und unter Bäumen – nichts“

(Albert Sánchez Piñol aus Pandora im Kongo)

Pandora im Kongo erzählt zwei Geschichten über zwei Hauptfiguren. Die erste Hauptfigur und zugleich Erzähler ist Thomas Thomson. Er blickt zurück auf seine Jahre, die er vor und während des ersten Weltkrieges in London als junger Schriftsteller verbracht hat, der für andere schreibt. Nach einigen wenig einträglichen Romanen, die er für einen Trivialbuchautor schreibt, gerät er durch eine Kette merkwürdiger Zufälle an einen Anwalt, der die Öffentlichkeit durch ein literarisches Werk auf die Geschichte einer seiner Klienten aufmerksam machen möchte. Er beauftragt Thomsen damit, den mordverdächtigen Garvey wöchentlich im Gefängnis aufzusuchen und seine Geschichte niederzuschreiben. Darin sieht er die einzige Chance, dessen Unschuld allen glaubhaft zu machen und zu zeigen, um welch einen Helden es sich tatsächlich bei Garvey handelt. Diesem wird vorgeworfen, zwei britische Aristokraten, die er als Diener begleitet hat, aus reiner Gier im Kongo ermordet zu haben.

Die Geschichte, die Thomson von Garvey hört, ist aberwitzig. Zunächst handelt sie von der wochenlangen Wanderung durch den kongolesischen Urwald auf der Suche nach Gold und Diamanten. Dabei werden Dörfer zu Stätten, an denen auf brutale Weise Träger rekrutiert werden. Der Wert eines Menschenlebens wird dabei von den drei Weißen in Kilo gewogen, die der Lastenträger tragen kann. Der größte Schrecken und meist ein Todesurteil bedeutet dabei das Los, der Champagnerträger zu sein, da die Kiste mit den Champagnerflaschen die schwerste ist. Nach vielen Toden gelangt die Gruppe an eine Lichtung, wo in der Geschichte Garveys das Gold schon an der Oberfläche lag. Die Schwarzen müssen eine Mine ausheben, in der sie nachts selbst eingesperrt sind.

Dann passiert das Aberwitzige. Ein Wesen aus dem Untergrund, aus dem Erdreich, taucht auf. Es ist menschenähnlich, aber doch kein Mensch. Später erscheinen mehr und mehr von diesen Wesen, sogenannten Tektonern. Darunter ist Amgan, ein weibliches Wesen, in das Garvey sich verliebt. Es ist der Anfang einer reinen, archetypischen Liebe. Die Ereignisse werden im Laufe der Geschichte immer fantastischer und führen in unterirdische Gänge, die tief unterhalb des Kongos liegen. Garvey und die beiden englischen Adligen, die sich nach schweren Kämpfen mit tektonischen Soldaten geschlagen geben mussten, werden tagelang als Entführte durch Katakomben geführt, bis sie eine so gewaltige unterirdische Stadt erblicken, wie sie die Fantasie kaum erschaffen kann. Doch es kommt nicht dazu, dass sie über die Schwelle dieser fremdartigen Welt treten. Die Menschen können ihre Entführer durch eine List überwältigen und fliehen. Am Ende findet Garvey auch seine geliebte Tektonerin wieder, mit der er sich auf höchst romantische Weise in der Krone eines Baumes liebt. Doch er erkennt die Bedrohung, die der Menschheit aus dem unterirdischen Volk erwachsen kann, und kehrt zurück in die Katakomben, um sie mit Sprengstoff zu versiegeln. Heldenhaft rettet er die Menschheit, indem er die zwei Welten für immer voneinander trennt. Dabei nimmt er in Kauf, dass er auch seine Liebesbande zu der Tektonerin durchtrennen muss, die in ihre Heimat zurückkehrt.

Diese krude Geschichte ist fantastisch und romantisch. Thomson glaubt an sie, weil er an sie glauben möchte. Er verliebt sich selbst in Amgan, die Figur der Tektonerin, die er in Literatur verwandelt. Später muss er feststellen, dass die Liebe keinen Unterschied macht zwischen Wahrheit und Trugbild. Die Wahrheit, die er später über die tatsächlichen Abläufe im Kongo erfährt, ist nicht seine Wahrheit, an die er glauben will.

Der Kongo ist in Piñols Werk ein Sinnbild. Es geht nicht um den realen Kongo, sondern um einen fernen Ort, der schon immer unentdeckt irgendwo existiert hat. Es geht auch um die Leichtgläubigkeit, die aus Sehnsucht nach dem Übernatürlichen entsteht, die auf das noch Unentdeckte projiziert wird. Dabei denke man bloß an alte Landkarten aus dem 16. oder 17. Jahrhundert, in denen das Meer voll von Seedrachen und die weißen Flecken voll von Menschenfressern und Fabelwesen waren. Die Geschichte Garveys ist aber auch sinnbildlich für den Kampf um Macht, der zuerst zwischen Schwarzen und Weißen und dann zwischen Weißen und Tektonern tobt. Das dritte Element, das Piñol hintersinnig mit den Tektonern einführt, zeigt die Beliebigkeit von Hautfarbe oder Herkunft, wenn es um die Durchsetzung der eigenen Interessen, Kultur oder des eigenen Wesens geht. Bis zum letzten Kapitel bleibt die Wahrheit etwas sehr relatives, über das Piñol geschickt sowohl seine Leser als auch Thomson, seine Hauptfigur, im Unklaren lässt. In der Mitte des Romans sind einige Passagen zwar etwas zäh zu lesen, weil Ereignisse sich unpointiert aneinanderreihen, aber das mindert nicht die literarische Qualität dieses tektonisch sehr raffiniert angelegten Werkes. Durch mehrere Handlungsstränge, die z.T. miteinander verschmelzen, wird über mehrere Ebenen ein Spannungsbogen aufgebaut, der sich bis zum Ende, bis zur Auflösung des Rätsels, hält.

„Die größte Lüge ist immer die glaubhafteste Lüge“ (Albert Sánchez Piñol aus Pandora im Kongo)

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3. Februar 2009

Eggers, Dave – Weit gegangen

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Eggers, Dave - Weit gegangen

 

Ob es immer gut ist, einen Roman mit dem Ausspruch „Das beste Buch des Jahres“ zu bewerben, ist fraglich. Einerseits lässt er sich damit gut verkaufen, anderseits werden dadurch Erwartungen geweckt, die selten erfüllt werden können. Mich jedenfalls haben das Cover, der Inhalt und die selbstbewusste Werbung angelockt und dazu gebracht, den 762-Seiten-Wälzer zu lesen.

Dave Eggers erzählt die Geschichte von Valentino Achak Deng, einem jungen Sudanesen, der als Kind aufgrund des Bürgerkrieges aus seiner Heimat hatte fliehen müssen und nach Jahren in Flüchtlingslagern in die USA emigrierte. Dabei wird die Geschichte nicht linear geschildert, sondern wechselt zwischen seinem Leben in den USA und seinem Leben im Sudan, Äthiopien und Kenia. Diese Schnitte wirken aber weder störend, noch verwirrend, ganz im Gegenteil – der Spannungsbogen wird dadurch konstant gehalten, da man bei jedem Wechsel wissen möchte, wie der einzelne Erzählfaden weiter geht. Die Erzählweise aus der Ich-Perspektive unterstützt die Verbundenheit, die man als Leser mit dem Protagonisten immer mehr aufbaut.

Dave Eggers hat es geschafft, anhand der Lebensgeschichte von Valentino Achak Deng, das Leiden und gleichzeitig die Willensstärke der Menschen des Südsudan großartig zu beschreiben. Der Roman ist sehr aufwühlend und manchmal zu schrecklich, um weiterzulesen, aber es ist auch unmöglich, ihn wegzulegen. Die Grausamkeiten, die Valentino als Junge während seiner Flucht aus dem Sudan erfährt, sind so unvorstellbar, dass sie wahr sein müssen. Dieser Gedanke lässt einem während des Lesens nicht los und macht das Buch zu einem wichtigen Zeugnis unserer Zeit. Es zeigt wieder einmal, wann Menschen aufhören Mensch zu sein. Gleichzeitig erfährt man wichtige politische Hintergrundinformationen zu den Gründen des Bürgerkrieges. Diese wirken zwar an manchen Stellen im Erzählfluss deplatziert, sind aber wichtig für das Verständnis.

Ich weiß nicht, ob es das beste Buch des Jahres ist – wahrscheinlich aber eines der besten. Deshalb möchte ich diesen Roman jedem empfehlen: er ist sehr spannend, liest sich hervorragend und ist aufwühlend, ohne ins Kitschige und Sentimentale abzurutschen. Vor allem hat die Thematik keineswegs an Aktualität verloren, wenn man nur an die bestürzenden Bilder aus Dafur denkt. Mit diesem Buch wird das Leben und Leiden der Sudanesen verständlicher und auf schreckliche Weise fassbarer.

Dennoch lässt mich der Roman etwas unbefriedigt zurück. Ich möchte noch mehr von Valentino Achak Deng erfahren. Jeder einzelne seiner Lebensabschnitte ist ein eigenes Buch wert. Ich hoffe, Dave Eggers lässt sich durch den Erfolg seines Romans dazu bringen, noch einige Fortsetzungen zu schreiben; Stoff hätte er genug.

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12. Januar 2009

Le Clézio, Jean-Marie Gustave – Onitsha

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Le Clézio, Jean-Marie Gustave – Onitsha

Der Literatur-Nobelpreisträger von 2008 ist ein Erzähler mit einer eigenen Sprache in die man sich erst einmal „hineinfinden“ muss. Die dann aber einen umso mehr beeindruckt hinterlässt.

Erzählt wird die Geschichte des Jungen Fintan, der mit seiner Mutter kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nach Nigeria fährt, um zu seinem dort lebenden Vater zu ziehen. Seine Mutter ist vom dortigen konservativen und langweiligen Leben der weißen Bevölkerung enttäuscht und zieht sich langsam zurück, während Fintan seine kindliche Freiheit genießt und die afrikanische Wildnis lieben lernt. Er freundet sich mit einem jungen Schwarzafrikaner an und lernt durch diese Freundschaft andere Sichtweisen und Glaubensvorstellungen kennen.

Die Fremdartigkeit der Kultur und Landschaft zieht Fintan immer mehr in seinen Bann. Sie wird zu seiner wahren Heimat und für ihn unvergesslich. Seine Freundschaft und sein Leben in Nigeria scheitern schließlich an dem stoischen Festhalten der weißen Bevölkerung an der alten Kolonialordnung.

J.M.G. Le Clézio hat einen schönen Roman geschrieben, bei dem die ersten 70 Seiten, auf denen er die Schiffsreise von Fintan und seiner Mutter beschreibt, etwas langatmig sind. Irritiert hat mich auch die seltsam anmutende Beziehung zwischen Mutter und Sohn, die teilweise einen sexuellen Unterton zu haben schien. Mit der Ankunft in Nigeria verändert sich der Roman. Das Leben dort tritt mehr in den Vordergrund und nicht mehr die Mutter-Sohn-Beziehung. Clézio erreicht es trotz langer erzählerischer Landschaftsgemälde, sich nicht im Kitsch zu verlieren. Er beschreibt die Fremdartigkeit, die gleichzeitig vertraut wirkt und würzt das Ganze mit einem alten afrikanischen Mythos, der schließlich durch das rücksichtslose Verhalten des Kolonialismus und der heutigen Politik zerstört wird. Dadurch schafft er es, ohne dass es aufgesetzt wirkt, den Bogen zur Neuzeit und den jetzigen Problemen im jetzigen Nigeria zu spannen.

„Onitsha“ ist eine gute Erzählung, die neugierig macht, sich den anderen Afrika-Romanen von J.M.G. Le Clézio zu nähern.

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26. November 2008

Le Clézio, Jean-Marie Gustave – Der Afrikaner

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Le Clézio, Jean-Marie Gustave – Der Afrikaner

In diesem autobiografischen Werk beschwört Le Clézio Bilder aus Kindheitsjahren herauf, die er in Nigeria verbracht hat. Es sind Bilder, die nachwirken. Er hat dort nicht wie die Kinder von Kolonialoffizieren gelebt, die weitgehend abgeschottet waren von der einheimischen Bevölkerung, sondern hat mit Kindern der Ibo und Yoruba zusammen gespielt. Sein Vater war Arzt an einem Ort, an dem nichts war, „was uns an die Welt erinnern konnte, in der wir bisher gelebt hatten“. Diese Welt, in der er in den ersten acht Jahren seines Lebens gelebt hatte, war das von Deutschen besetzte Frankreich und die ersten drei Jahre nach dem Krieg.

Der Afrikaner ist Le Clézios Vater, dem das Buch gewidmet ist. Er ist selbst nach seiner Pensionierung, die ihn wieder zurück nach Frankreich geführt hat, im Inneren Afrikaner geblieben. Zumindest ist alles an ihm dort geprägt worden. Seine Strenge und seine Abneigung gegenüber dem in seinem Empfinden mechanistischen Großstadtleben auf der einen Seite und die Suche nach dem Weiten und der Lebensintensität, wie er sie in den Landschaften Nigerias erlebt hat auf der anderen Seite.

J.M.G. Le Clézio selbst hat dort auch noch das erlebt, was Afrika zueigen war, bevor der westliche Einfluss auch die abgelegensten Winkel des Kontinents in irgendeiner Weise erreicht hat. Im Spiel mit den einheimischen Kindern hat er eine überwältigende Freiheit erlebt. Einen großen Eindruck hat auch die harmlose Freizügigkeit im Verhältnis zum eigenen Körper auf ihn gemacht. Körperlichkeit, unverfängliche Nähe und die Intensität aller Sinneseindrücke hat er als vielfach verstärkt empfunden. Bis heute, so schreibt er, kann er noch manchmal den Regen riechen, der in schweren Tropfen auf den staubigen Boden Nigerias niederfiel.

Afrika hat Le Clézio nie losgelassen. Die Emphase, mit der er Bilder erzeugt, lässt auch den Leser ahnen, mit welcher Wucht die Selbsterfahrung über Menschen hereinbricht, die sich den Eindrücken der Weite, der ungezähmten Naturgewalt und der überkommenen Rituale und Anschauungen der Einheimischen hingeben. Die Stärke des Buches liegt in dem Existenziellen, das es berührt. Ich halte es für unbedingt lesenswert.

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