Ob es immer gut ist, einen Roman mit dem Ausspruch „Das beste Buch des Jahres“ zu bewerben, ist fraglich. Einerseits lässt er sich damit gut verkaufen, anderseits werden dadurch Erwartungen geweckt, die selten erfüllt werden können. Mich jedenfalls haben das Cover, der Inhalt und die selbstbewusste Werbung angelockt und dazu gebracht, den 762-Seiten-Wälzer zu lesen.
Dave Eggers erzählt die Geschichte von Valentino Achak Deng, einem jungen Sudanesen, der als Kind aufgrund des Bürgerkrieges aus seiner Heimat hatte fliehen müssen und nach Jahren in Flüchtlingslagern in die USA emigrierte. Dabei wird die Geschichte nicht linear geschildert, sondern wechselt zwischen seinem Leben in den USA und seinem Leben im Sudan, Äthiopien und Kenia. Diese Schnitte wirken aber weder störend, noch verwirrend, ganz im Gegenteil – der Spannungsbogen wird dadurch konstant gehalten, da man bei jedem Wechsel wissen möchte, wie der einzelne Erzählfaden weiter geht. Die Erzählweise aus der Ich-Perspektive unterstützt die Verbundenheit, die man als Leser mit dem Protagonisten immer mehr aufbaut.
Dave Eggers hat es geschafft, anhand der Lebensgeschichte von Valentino Achak Deng, das Leiden und gleichzeitig die Willensstärke der Menschen des Südsudan großartig zu beschreiben. Der Roman ist sehr aufwühlend und manchmal zu schrecklich, um weiterzulesen, aber es ist auch unmöglich, ihn wegzulegen. Die Grausamkeiten, die Valentino als Junge während seiner Flucht aus dem Sudan erfährt, sind so unvorstellbar, dass sie wahr sein müssen. Dieser Gedanke lässt einem während des Lesens nicht los und macht das Buch zu einem wichtigen Zeugnis unserer Zeit. Es zeigt wieder einmal, wann Menschen aufhören Mensch zu sein. Gleichzeitig erfährt man wichtige politische Hintergrundinformationen zu den Gründen des Bürgerkrieges. Diese wirken zwar an manchen Stellen im Erzählfluss deplatziert, sind aber wichtig für das Verständnis.
Ich weiß nicht, ob es das beste Buch des Jahres ist – wahrscheinlich aber eines der besten. Deshalb möchte ich diesen Roman jedem empfehlen: er ist sehr spannend, liest sich hervorragend und ist aufwühlend, ohne ins Kitschige und Sentimentale abzurutschen. Vor allem hat die Thematik keineswegs an Aktualität verloren, wenn man nur an die bestürzenden Bilder aus Dafur denkt. Mit diesem Buch wird das Leben und Leiden der Sudanesen verständlicher und auf schreckliche Weise fassbarer.
Dennoch lässt mich der Roman etwas unbefriedigt zurück. Ich möchte noch mehr von Valentino Achak Deng erfahren. Jeder einzelne seiner Lebensabschnitte ist ein eigenes Buch wert. Ich hoffe, Dave Eggers lässt sich durch den Erfolg seines Romans dazu bringen, noch einige Fortsetzungen zu schreiben; Stoff hätte er genug.
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