12. Januar 2009

Le Clézio, Jean-Marie Gustave – Onitsha

Abgelegt unter: Afrika-Bücher — Schlagwörter:, , — Ina @ 19:41
 
 

 

Le Clézio, Jean-Marie Gustave – Onitsha

Der Literatur-Nobelpreisträger von 2008 ist ein Erzähler mit einer eigenen Sprache in die man sich erst einmal „hineinfinden“ muss. Die dann aber einen umso mehr beeindruckt hinterlässt.

Erzählt wird die Geschichte des Jungen Fintan, der mit seiner Mutter kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nach Nigeria fährt, um zu seinem dort lebenden Vater zu ziehen. Seine Mutter ist vom dortigen konservativen und langweiligen Leben der weißen Bevölkerung enttäuscht und zieht sich langsam zurück, während Fintan seine kindliche Freiheit genießt und die afrikanische Wildnis lieben lernt. Er freundet sich mit einem jungen Schwarzafrikaner an und lernt durch diese Freundschaft andere Sichtweisen und Glaubensvorstellungen kennen.

Die Fremdartigkeit der Kultur und Landschaft zieht Fintan immer mehr in seinen Bann. Sie wird zu seiner wahren Heimat und für ihn unvergesslich. Seine Freundschaft und sein Leben in Nigeria scheitern schließlich an dem stoischen Festhalten der weißen Bevölkerung an der alten Kolonialordnung.

J.M.G. Le Clézio hat einen schönen Roman geschrieben, bei dem die ersten 70 Seiten, auf denen er die Schiffsreise von Fintan und seiner Mutter beschreibt, etwas langatmig sind. Irritiert hat mich auch die seltsam anmutende Beziehung zwischen Mutter und Sohn, die teilweise einen sexuellen Unterton zu haben schien. Mit der Ankunft in Nigeria verändert sich der Roman. Das Leben dort tritt mehr in den Vordergrund und nicht mehr die Mutter-Sohn-Beziehung. Clézio erreicht es trotz langer erzählerischer Landschaftsgemälde, sich nicht im Kitsch zu verlieren. Er beschreibt die Fremdartigkeit, die gleichzeitig vertraut wirkt und würzt das Ganze mit einem alten afrikanischen Mythos, der schließlich durch das rücksichtslose Verhalten des Kolonialismus und der heutigen Politik zerstört wird. Dadurch schafft er es, ohne dass es aufgesetzt wirkt, den Bogen zur Neuzeit und den jetzigen Problemen im jetzigen Nigeria zu spannen.

„Onitsha“ ist eine gute Erzählung, die neugierig macht, sich den anderen Afrika-Romanen von J.M.G. Le Clézio zu nähern.

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