25. Oktober 2008

Coetzee, J.M. – Schande

Abgelegt unter: Afrika-Bücher — Schlagwörter: — Ina @ 19:18

 

Coetzee, J.M. - Schande

David Lurie hat nach Jahren am Lehrstuhl für romantische Dichtung an der technischen Universität Kapstadt eine impulsive Affäre mit einer seiner jungen Studentinnen. Er ist im mittleren Alter und lebt getrennt von seiner Frau. Die Reizlosigkeit des Gewöhnlichen, das sein daher von Langeweile geprägtes Leben ausmacht, führt dazu, dass er seine Moralkategorien zugunsten seiner Lust und Begierde aufgibt. Er stiehlt sich wie ein Dieb in das Leben der jungen Studentin, die noch zu wenig Reife hat, um der Situation gewachsen zu sein. Ihre Signale sind zweideutig zwischen Ablehnung und einer selbsterniedrigenden Unterwürfigkeit, die sie aus der Bahn wirft, ihr das Vertrauen in sich selbst nimmt und einen Ekel gegenüber dem, was ihr vorher würdig erschienen war, zu entwickeln. Sie entkommt der Situation, indem sie David Lurie anzeigt und sich von ihm fern hält.

In der Folge der Anzeige wird David der Prozess gemacht. Er soll zu einem Schuldeingeständnis gezwungen werden, dass er jedoch nicht geben kann, weil er der Konsequenz seines Handelns nicht entgehen will. Er ekelt sich davor, nicht zu der Schande zu stehen, falsche Tränen zu weinen und für seinen Job eine falsche Reue zu zeigen. Diese Falschheit würde seine Schande noch vergrößern, doch sie wird von ihm verlangt. Es wird an dieser Stelle undeutlich, wo die Schande überhaupt größer ist – bei den Anklägern, denen Falschheit zur moralischen Rehabilitation genügen würde, den militanten Feministinnen (WAR: Women against Rape) oder bei dem Angeklagten, der zumindest aufrichtig bleibt. Die Schande scheint allumfassend zu sein.

Ein Topos ist auch das Alter und das Dilemma, in einem alternden Körper zu sein, ohne dass sich die Bedürfnisse wesentlich geändert hätten. Als junger Casanova, davon gehrt er aus, wäre er nicht in eine solche Situation geraten, sondern nur weil sein Alter moralische Kategorien zu seinen Ungunsten verschiebt.

Nachdem David Lurie in die Arbeitslosigkeit entlassen wurde, zieht er zu seiner Tochter, die einen kleinen Hof auf dem Land führt. Dort wird er mit einem fremden Wertesystem konfrontiert, in dem das Leben in Einfachheit, der Tierschutz und, um es im Sinne Luries abfällig zu formulieren, der Ökokram einen hohen Stellenwert besitzen. Er übt sich darin, in ein neues Leben zu passen, Veränderungen zuzulassen. Zuerst scheint er dadurch etwas gewonnen zu haben, schnell zeigt sich jedoch, dass er aufhört, seine Lebensumstände seinem Wesen anzupassen, sondern dass er den umgekehrten Weg geht, was zwangsläufig zur Selbstaufgabe führen muss.

Bald zeigt sich Afrika von seiner brutalen Seite, als Lucy und er Opfer eines Raubüberfalls werden und sie nur mit schweren Verbrennungen überleben. Darin zeigt sich das Risiko, überhaupt etwas zu besitzen, dort wo alles so rar ist. Auch kommt hier wieder das Topos der Schande zum Tragen, als David klar wird, dass seine Tochter Lucy offenbar vergewaltigt worden ist, sich aber in ihr Leid eingräbt, anstatt es zu externalisieren. Er, der zu sich finden wollte, verliert seine Perspektive und geht unter in der Schande, die ihm und seiner Tochter widerfahren ist. Daraus lässt sich eine Ironie lesen, die am Ende die Schande wieder allgegenwärtig scheinen lässt. Als wollte David seine eigene Schande wieder gut machen, kämpft er mit den Dämonen, die seine Tochter beherrschen. Doch es ist ein vergeblicher Kampf.

Am Ende scheint er zwar irgendwo angekommen zu sein – er bleibt auf dem Land und hilft dort bei der Arbeit in einem Tierkrankenhaus. Doch David Lurie bleibt eine tragische Figur, ein in Ungnade gefallener, der alle seine Rollen verliert und keine neuen findet, die zu ihm passen könnten. Er kann nicht mehr viel geben und sein Intellekt verkümmert, weil er nutzlos geworden ist. Er gibt sich endgültig auf – erneut eine Schande.

Schande von J.M. Coetzee ist das Werk eines Intellektuellen, der über fundamentale Bedürfnisse des und Werte schreibt. Er fragt nach dem Sinn eines Lebens und schafft damit ein Exempel für das Dasein als Mensch überhaupt. Er sieht hinter Fassaden und beleuchtet die Schande, die sich hinter dem vordergründig Würdigem zeigt. „Schande“ ist ein Werk mit Abgründen und Tiefgang. Es ist großartig.

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