26. April 2008

Morello, K. – Sie tragen die Welt auf dem Kopf

Abgelegt unter: Afrika-Bücher — Schlagwörter:, — Ina @ 20:05
Morello, K. - Sie tragen die Welt auf dem Kopf

Morello, K. - Sie tragen die Welt auf dem Kopf

Schlägt man zurzeit die Zeitung auf, liest man fast nur Schreckensmeldungen über die jetzige Situation in Simbabwe. Es wird über die Wahl, deren Manipulation, über Sieger und Verlierer und über die wirtschaftliche Situation berichtet. Aber wie geht es den Menschen dort wirklich? Leben in einem Land, das schon seit Jahren eine unvorstellbar hohe Inflation hat, eine Arbeitslosenquote von über 80 Prozent, dazu eine immerwährende Angst vor politischer Verfolgung – wie kann man so leben, so überleben?

Um das zu erfahren, muss man das Buch von Katharina Morello lesen, einer Schweizerin, die ein Jahr mit ihrer Familie in Simbabwe gelebt hat. Die Ereignisse in dieser Zeit hat sie in kleinen, spannenden, traurigen, kuriosen, aber vor allem lustigen Geschichten zu einem wunderbaren Buch verwoben. Sie stellt in diesen Geschichten ganz verschiedene Menschen vor, vorwiegend Frauen, die ihr Leben in dieser abstrusen Welt des heutigen Simbabwe meistern.

Katharina Morello beschreibt die Lebenssituation von zum Teil sehr unterschiedlichen Frauen, sei es eine junge Frau, die in England arbeitet um Geld für ihre Familie in Simbabwe zu verdienen, Unternehmerinnen, die ihre eigenen Geschäfte aufbauen, eine traditionelle Heilerin, die gleichzeitig Katholikin ist, von Krankenschwestern aus dem Missionskrankenhaus und auch von einer weißen Farmerin. Daraus entsteht ein differenziertes Bild vom Leben in Simbabwe.

Sie schreibt ohne große Vorurteile und bricht mit den exotischen Traumvorstellungen, die viele von Afrika haben. Dieses Buch hat nichts gemein mit den kitschigen „Frauenromanen“, die die Erlebnisse einer weißen Frau auf dem fremden und doch faszinierenden „dunklen Kontinent“ beschreibt. Dies wird noch verstärkt, indem Morello von sich selbst in der dritten Person schreibt, was am Anfang verwirrend ist, aber sich dadurch gleichzeitig besser in die einzelnen Geschichten einwebt. Sie stellt sich auf diese Weise nicht als etwas Besonderes heraus.

Das ist kein Buch allein über Frauen, sondern an ihrem Leben werden die Probleme, aber auch die Möglichkeiten des Landes aufgezeigt. Man fühlt mit diesen Frauen, man bewundert sie und beneidet sie für ihre Stärke, denn trotz der größten Widrigkeiten und vieler Rückschläge, geben sie nicht auf. Der Humor und das Lachen sind dabei ihre wichtigsten Waffen.

Man hat am Ende des Buches das Gefühl, den Menschen in Simbabwe näher zu sein, sie besser zu verstehen. In den Meldungen über Simbabwe haben die Menschen nun Gesichter bekommen.

18. April 2008

Lekuton, Joseph Lemasolai – Facing the Lion

Abgelegt unter: Afrika-Bücher — Schlagwörter:, , — Ina @ 19:45

Lekuton, Joseph Lemasolai - Facing the Lion

Lekuton, Joseph Lemasolai - Facing the Lion

Joseph Lemasolai Lekuton schreibt in „Facing the Lion“ über seine Kindheit als Nomadenjunge bei den Massai. Dabei zeichnet er ein buntes Bild seiner Lebenswirklichkeit von der frühesten Kindheit an bis zu seinem Aufbruch nach Amerika, wo er studiert hat. Der Leser des Buches kann ein Kind ab zwölf Jahren oder aber ein Erwachsener sein. Für beide ist es ein großer Gewinn, wenn Lekuton behutsam das Fremde zum Vertrauten macht. Er nimmt seine Leser bei der Hand und führt sie wie gute Freunde durch das Dorf, zu seinen Freunden, mit denen er spielt oder zur Viehherde, die er betreut.

Später nimmt er sie auch mit zur Schule. Ein neues Gesetz hatte damals in Kenia für je einen Jungen aus jeder Familie die Verpflichtung geschaffen, zur Schule zu gehen. In der Familie Lekuton trifft es Joseph, der eigentlich noch zu klein ist für die Schule. Einer seiner Brüder sträubt sich aber sehr gegen sie und der andere wird dringend für die Arbeit mit dem Vieh gebraucht.

Für Joseph ändert sich dadurch fast alles. Er lernt eine Wirklichkeit kennen, die mit seinem bisherigen Leben nicht viel gemeinsam hat. Und doch findet er sich schnell in den schulischen Alltag ein und wird ein wissensdurstiger Schüler. Die große Schwierigkeit besteht für ihn nicht darin, in der einen oder in der anderen Wirklichkeit zurechtzukommen, sondern nicht einer von beiden fremd zu werden. Sein oberstes Ziel ist es, zwar zur Schule zu gehen und dort auch die Uniform zu tragen, in einem Bett zu schlafen und sesshaft zu sein, gleichzeitig aber ein Massai zu bleiben.

Eine große Stärke des Buches ist die Art, mit der dieses Spannungsverhältnis, dieses Leben zwischen zwei Welten, kindgerecht greifbar gemacht wird. Noch beachtlicher ist es, dass trotz der schönen und zugleich für kindliche Leser geeigneten Sprache, das Buch auch von Erwachsenen mit so großem Gewinn gelesen werden kann. Ein Massai, der zwischen zwei Welten aufwächst und es schafft, diese beiden Welten zu verschmelzen – das ist eine Geschichte, die den Leser vieles lehrt. Zum einen lernt er kennen, was für die Massai wichtig ist, was anders ist als bei einer Kindheit in Deutschland und auch was ähnlich ist. Zum anderen lernt er etwas ganz Entscheidendes, nämlich dass das Andere nicht eine Abgrenzung schaffen muss, sondern dass es mit dem Vertrauten zusammen ein besseres Ganzes ergeben kann. Das Buch ist daher ein sehr wichtiges Buch. Es macht das Fremde vertraut und zeigt, wie viel Verbindendes es selbst in einer Lebensweise gibt, die uns europäischen Lesern beim ersten Hinsehen sehr fremd erscheinen mag.

Eine weitere Stärke des Buches ist sein Unterhaltungswert, der sehr hoch ist, obwohl es dem Leser so vieles lehrt. Es greift Situationen aus dem Leben des jungen Lekuton heraus, die zum Teil sehr abenteuerlich sind – so z.B. die Begegnung mit Wilderen oder, noch abenteuerlicher, mit Löwen. Andere Begebenheiten sind eher kurios – so z.B. die Geschichte von dem Kneifer, der ein Auge auf unartige Kinder hat und diese kneift, damit sie sich in Zukunft benehmen.

Ich hatte mit diesem Buch ein paar Stunden großen Lesevergnügens und wünsche ihm eine große Aufmerksamkeit, zu der ich mit dieser Rezension hoffentlich auch einen kleinen Beitrag leiste.

9. April 2008

Bebey, F. – Das Alphabet der Sonne während des Regens

Abgelegt unter: Afrika-Bücher — Schlagwörter: — Ina @ 17:05

 

Bebey, F. - Das Alphabet der Sonne während des Regens

Ghana, kurz nach dem Ende der Kolonialzeit. „Der Doktor“ hat die Präsidentschaft des neu gegründeten, demokratischen Staates übernommen und die Aufbruchsstimmung ist noch nicht abgeklungen. Doch die große Politik ist für den Gang der Ereignisse, die der Roman beschreibt, nur ein Rahmen, wenn auch ein bedeutsamer. Er hat auch Einfluss auf das Leben der Marktfrauen in der Hauptstadt Accra. Ma, so genannt von Ihrer Enkelin Edna, ist solch eine Marktfrau. Sie hat ihre „Tochter des Herzens“, so nennt sie Edna, in ihre Arbeit eingewiesen und hofft, dass sie später das Erbe antreten wird, ihre wichtige Funktion für den Markt und somit für das ganze Land zu übernehmen. Die Marktfrauen sind nämlich ein besonders wichtiger Teil der Gesellschaft des Landes und haben somit auch Einfluss auf die Politik. Edna hat früh ihre Mutter verloren und wurde daher von Ma und ihrer Tochter, der „Prinzessin“, großgezogen. So viel zur Vorgeschichte.

Der Roman beginnt, wie er kaum schöner beginnen könnte – nämlich mit dem Anfang einer Liebesbeziehung zwischen Edna und Spio, einem hohen Bediensteten der neuen Regierung. Dieser Anfang ist jedoch beschwerlich, da Ma sich zunächst der Liebe in den Weg stellt. Doch Edna ist zwar kein gebildetes Mädchen nach herkömmlicher Definition, aber sie ist auf ihre Weise klug. So testet sie Spios Liebe, indem sie sich zuerst wenig interessiert zeigt und ihn abblitzen lässt. Durch ihr geschicktes Vorgehen lernt sie ihn und seine Liebe zu ihr einschätzen und hat bald auch genug Argumente, um bei ihrer Großmutter eine Tür für die Beziehung zu öffnen. Der größte Liebesbeweis ist der, dass Spio sich für Edna für eine andere Marktfrau einsetzt, die ihre Konzession zu verlieren droht, weil ihr Mann der politischen Opposition angehört. Dadurch bringt Spio sich um seine politische Position und muss Accra verlassen, um weit im Norden des Landes ein niederes Amt zu bekleiden.

Es folgen für die beiden Verliebten unglückliche Zeiten, in denen Edna in dem Zwiespalt steht, ob sie ihre sichere Position als zukünftige Marktfrau aufgeben soll und damit auch Ma sehr enttäuschen würde, oder ob sie ihre Liebe aufgibt. Zu der misslichen Lage kommt noch hinzu, dass ihre „Freundinnen“ ein böses Ränkespiel treiben und aus Eifersucht und Neid gegen Edna intrigieren. Ob und unter welchen Umständen Edna und Spio wieder zusammenfinden, soll der Leser nun selbst erfahren dürfen, indem er das Buch liest. Es ist nämlich ein sehr lesenswertes Buch.

„Das Alphabet der Sonne während des Regens“ ist ein Roman, der mit viel Witz und sanfter Ironie eine junge Frau in erheiternden, aber auch dramatischen Episoden ihres Lebens begleitet. Er spielt in Accra, der quirligen Hauptstadt Ghanas, in der die Nächte lang sind in den Clubs und an den Strandpromenaden. Mit einer zum Teil schon poetischen Sprache fängt der Autor Francis Bebey Stimmungen ein und malt Bilder, die den Leser weit wegführen. Es ist ein warmherziges und ohne Einschränkungen empfehlenswertes Buch!

Mehr unter: http://www.afrozone.de

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