Der Band enthält Erzählungen aus Afrika und einen Brief, den Stefanie Zweig 2001 anlässlich der Premiere der Verfilmung von “Nirgendwo in Afrika” an Sidede Onyulo, einen der Hauptdarsteller, schrieb. Ohne Überheblichkeit nähert sich Stefanie Zweig der Kultur an, in der sie, während des Zweiten Weltkrieges, aufgewachsen ist. Im Gegenteil zeigt das Werk die starke Tendenz, das, was der Autorin als westlich und zivilisiert gilt, in ein besonders negatives Licht zu setzen, um das Archaische und die Naturnähe als das Non plus ultra und einzig Wahre erscheinen zu lassen.
Als trivial im negativen Sinn ist ihr Werk dennoch nicht zu bezeichnen. Stefanie Zweig versucht nicht zu beschönigen. Es gelingt ihr einigermaßen, ein differenziertes Bild Kenias zu zeichnen. Sie stellt das Schöne neben das Elend, das besonders in “Ein Stück vom Glück” plastisch geschildert wird. Die guten Ansätze werden aber nach meinem Empfinden durch eine oft unnötig gestelzte Sprache, die reich an unfreiwillig komischen Metaphern und arm an stilistischer Treffsicherheit ist, zum Teil zunichte gemacht.
Die Charaktere bleiben außerdem klischeehaft. In “ein Stück vom Glück” fühlt die Protagonistin, eine Schauspielerin mit sinkendem Stern, sich wie die Barmherzigkeit in Person, nachdem sie eine Patenschaft für ein Kind in Kenia übernommen hat und zwanzig Euro monatlich überweist. Als die Hilfsorganisation sie einlädt, das Land zu besuchen, um dort publikumswirksam eine Schule einzuweihen, gönnt sie sich ein Ballkleid, um sich selbst zu feiern. Für ihr Patenkind nimmt sie einen großen grünen Stofffrosch mit und macht immer wieder “Quark”, weil sie das so lustig findet. In Nairobi lässt sie sich im Luxushotel von Touristen bauchpinseln, die große Fans ihrer Kitschserie sind. Es kommt wie es kommen muss. Sie beschliesst ihr Patenkind zu besuchen, obwohl ihr sehr davon abgeraten wird, da dieses im tiefsten Slum zuhause ist. Das, was sie dort vorfindet, entspricht nicht ihren Erwartungen. Am Ende ist sie ganz aufgelöst und in einem Zustand des nachhaltigen Schocks, weil sie mit so viel Schmutz, Gestank, Armut und Gewalt nicht gerechnet hatte. Die Geschichte funktioniert nur, weil die Protagonistin eine Person von herausragender Dummheit ist, die, wie es heisst, von Botswana noch nie gehört hatte und Peru mit Persien verwechselt.
In “Nachmittag am Barringosee” hat ein Banker aus Deutschland ein metaphysisches Erlebnis auf einer Safari, die sein Gastgeber ihm quasi aufzwingt. Er nimmt mehr ungewollt als gewollt daran teil. Die Begegnung mit der kenianischen Fauna wird für ihn dann aber zu einem Schlüsselerlebnis, dass alles übertrifft, was er je erlebt hat und das sein Bewusstsein für immer verändern soll. Am Barringsee hört er gar ein Pfeifen eines “unsichtbaren Abgesandten aus der Welt von Gestern”, das für ihn wie der Anfang des Loreley-Liedes klingt. Für meinen Geschmack hat Stefanie Zweig damit etwas zu dick aufgetragen. Störend sind pseudophilosophische Ergüsse und die Vermischung “afrikanischen Flairs” mit griechischer Mythologie – der Götterbote Hermes hat sein Gastspiel – und deutscher Sagenwelt. Das Stefanie Zweig dem Erzähler ein solches Repertoire angedeihen lässt, ist sicher dem Wunsch der Autorin entsprungen, gebildeter zu erscheinen.
“Eine afrikanische Karriere” ist die Geschichte eines “Aufstiegs” einer aus Armut von den Eltern verstoßenen Tochter zur Putzhilfe in einer Lodge und anschließend zur Hure in der Großstadt Nairobi. Dort wird sie von einem Filmteam angesprochen, das gerade nach Darstellern für einen kitschigen Safarifilm sucht. Kurz träumt sie den Traum von Reichtum und einem besseren Leben. Da es aber um eine “afrikanische Karriere” geht, weilt dieser Traum nur kurz. Am Ende hat sie weniger als zuvor, weil sie Opfer diverser Widrigkeiten wird. Diese Geschichte hat zwar auch die Tendenz, die Quellen jedes schlechten Einfluss´ auf den Menschen, seinen Charakter und seine Lebensweise bei der “westlichen Zivilisation” zu suchen, ist literarisch aber einigermaßen gelungen und zeigt Verhältnisse auf, ohne zu beschönigen.
In der Kurzgeschichte “Owours Heimkehr” nimmt der Erzähler die Perspektive Owours ein. Dies ist der Koch der Familie, die in dem autobiografischen Werk “Nirgendwo in Afrika” im Zentrum steht. Die Familie war aus dem Deutschland der Kriegszeit vor dem Terror der Nazis geflüchtet. Zuerst wird des Lebens Owuors von der Kindheit bis zu der Zeit, in der die Familie das Land wieder verlässt, geschildert. Dann zeichnet Stefanie Zweig ein Bild der inneren Kämpfe, die Owuor bestehen muss, als er in seine Heimat zurückkehrt. Er lässt ein Leben hinter sich, das ihn sehr verändert hat und muss seine Bestimmung für ein neues Leben an den Orten seiner Kindheit erst wieder finden. Für Fans von Stefanie Zweig ist “Owuors Heimkehr” sicher eine schöne Reminiszens an “Nirgendwo in Afrika”.
Mein Fazit: Owuors Heimkehr ist kein ganz schlechtes Buch. Es ist nicht allzu schwarz- / weiss-malerisch und hat einige gute Ansätze. Manchmal gelingt auch die Situationskomik und die Schilderungen von Elend sind immerhin so gelungen, dass sie ein echtes Betroffenheitsgefühl auslösen können. Das Werk ist jedoch weit davon entfernt, eine literarische Glanzleistung zu sein.
