Bei der Afrikanischen Tragödie von Doris Lessing steht die Katastrophe, ein „geheimnisvoller Mord„, gleich am Anfang. In den folgenden Kapiteln wird der Weg dorthin nachgezeichnet.
Die Ermordete ist die weisse Farmerin Mary Turner. Jahre zuvor hatte sie dem relativ mondänen Leben als weisse, alleinstehende Frau in der Stadt den Rücken gekehrt. Sie war mit ihrem Mann, den sie in einem Gefühl der Torschlusspanik geheiratet hatte, auf sein Stückchen Land gezogen, das kaum genug einbrachte, um das Nötigste zum Leben haben zu können. Hoffnungen auf bessere Verhältnisse halten sich nur kurz. Mary muss erkennen, dass ihr Mann nicht in der Lage ist, auf gewinnbringende Weise Farmwirtschaft zu treiben. Mit traumwandlerischer Sicherheit setzt er bei jedem Versuch, der Situation eine Wendung zum Positiven zu geben, auf die falschen Maßnahmen. Im zermürbenden Kampf gegen die Armut wächst der Verdruß.
Mary lebt im harschen Widerspruch zum eigenen Charakter. Von Beginn an hatte sie sich als Fremdkörper auf dem Lande gefühlt, doch in der zunehmenden Frustration entwickelt sie eine Bösartigkeit, als deren einzige Opfer sich die schnell wechselnden schwarzen „Boys„ des Hauses finden. Ihr anfängliches Unbehagen gegenüber dem menschenverachtenden Umgang mit den „Eingeborenen„ weicht der Passion, ihr Ordnungsempfinden und ihre Auffassung von Zivilisiertheit, an der sie in der Einöde krampfhaft festhält, mit brutaler verbaler Gewalt gegenüber den schwarzen Bediensteten durchzusetzen. Ihr Ekel vor der Natürlichkeit des Lebens der Schwarzen, wenn die Mütter ihre Babies an die Brust nehmen und wenn sie sich an den Farben der Stoffe und kleinen Sächelchen im Laden erfreuen, nimmt immer pathologischere Züge an. Er entspringt dem Neid vor der Selbstverständlichkeit des Daseins der Schwarzen, die ihr so sehr fehlt. Ihre Versuche, sinnvolle Beschäftigungen, eine Aufgabe, in der sie sich nützlich empfindet, zu suchen, scheitern kläglich.
In einem Strudel aus zunehmender Verbitterung und Vereinsamung, begeht sie ein Sakrileg gegen geltende gesellschaftliche Normen. Sie bricht die „formelle Norm Schwarz-Weiss, Herrin-Diener„ durch eine persönliche Beziehung zu einem schwarzen „Boy„. Es ist jedoch keine Zuneigung, die sie für ihn empfindet, sondern eine krankhafte Besessenheit, in der sie den „Boy„ in ihre Qualen und innere Zerissenheit hineinzieht. In ihrem Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber dem, was in ihrem Weltbild nicht vorkommen darf, quält sie ihn mit paradoxen Reaktionen. Ihr ambivalentes Verhalten, indem sie ihm mal als grausame Herrin und mal mit Güte und menschlicher Wärme begegnet, löst bei ihm ein Double-bind Phänomen aus, das ein Ventil erfordert. In ihren verzweifeltesten Momenten weiht sie ihn in ihr Leid ein und bekniet ihn, zu bleiben. Kurz darauf weist sie ihn schroff ab und behandelt ihn wie Dreck. Am Ende steht die Tat, ein Befreiungsschlag. Damit ist der Bogen zum Anfang des Romans hergestellt.
Die besondere Stärke des Romans liegt in der präzisen und psychologisch fundierten Herleitung einer menschlichen Tragödie. Eine Stärke liegt aber auch in der Darstellung gesellschaftlicher Verhältnisse in einem Südafrika, in dem es für die weisse Bevölkerung strenge Regeln gibt, um den Status quo des privilegierten Lebens auf Kosten der schwarzen Bevölkerung zu sichern. Diese Regeln zielen auf die Abgrenzung der Weissen von den Schwarzen ab, die insbesondere deshalb so schlecht behandelt werden, damit die eigene, vermeintliche Erhabenheit gewahrt bleibt.
Ein brilliantes Buch, dass in der mikroskopischen Perspektive das Individuelle makroskopisch mit dem Ganzen der südafrikanischen Gesellschaft der 30iger und 40iger Jahre verwebt. Unbedingt lesenswert!
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